Entlang der Linien

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Und wir tanzen…

Das Gewahrwerden von Grenzen, das Anerkennen, dass ein Mensch an bestimmten Stellen anfängt und an bestimmten Stellen aufhört, dass seine Freiheit irgendwo beginnt und irgendwo endet, gehört meines Erachtens zu den schwierigsten Studien und Lektionen die man ein Leben lang betreiben muss. Tatsächlich ein Tanz um Grenzen. Ein unnötiger, wenn uns Nähe egal wäre. Denn der Tanz als solcher ist uns nicht wichtig. Die Nähe schon. Die brauchen wir zum (Über-)Leben. Die brauche ich zum Menschsein. Doch mit der Einzigartigkeit jeder menschlichen Persönlichkeit und jeder menschlichen Geschichte kommen andere Linien. Andere hochkomplexe Parameter für Liebe und Freiheit. In jeder Begegnung, in jeder Beziehung (und sei sie noch so platonisch, distanziert oder gar langfristig irrelevant) tanzen wir. Freestyle oder nach Regeln. Meist nach verschwommenen oder gar missverstandenen Regeln.

Die Aufmerksamkeit, den Willen und das Handeln des Anderen zu beugen kann grenzwertig werden und bis ins Unethische gehen – oder, positiver ausgedrückt, sich mühsam an der Peripherie des Wohlwollens entlanghangeln. Wo beginnt Beeinflussung? Wo beginnt Manipulation? Wo beginnt Zwang? Und zu fragen, wo sie beginnen, ist dabei ja moralisch noch ein Tick wertvoller als zu fragen, wo sie enden. Denn: “Wehret den Anfängen…!”

Die Unsicherheit und die Spannung, die man beim Tanz um Nähe und Distanz empfindet, kann bis ins Unerträgliche gehen. Es hängt letztlich von den Erwartungen, der Verletzlichkeit und schlichtweg der Liebe ab, die man in den Anderen investiert, ob die Spannung mild, mittel oder stark ist – leicht zu schultern oder nur mit Schmerzen zu ertragen. Spannung, die sich manchmal in Fußtritten, Ausrutschern, zu festem Griff oder mangelnder Führung zeigt. So ein Tanz ist halt komplex.

Nur, wo kann man Tanzstunden nehmen?

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